Ein akutes Lungenversagen (ARDS, acute respiratory distress syndrome) liegt gemäß der neuen Definition ("Berlin definition") vor, wenn folgende Kriterien erfüllt sind (1):

  • Beginn: innerhalb einer Woche nach einem akuten Ereignis oder neu aufgetretenen bzw. verschlechterten respiratorischen Symptomen
  • Bildgebung (Rö-Thorax oder CT-Thorax): bilaterale Verdichtungen, die sich nicht allein durch Erg, Pneumothorax oder Rundherde erklären lassen
  • Ursache des Ödems: das Lungenversagen ist nicht allein durch eine akute Herzinsuffizienz oder Volumenüberladung erklärbar (bei fehlenden Risikofaktoren ist das Vorliegen eines hydrostatischen Ödems mittels Echokardiographie auszuschließen)
  • Oxygenierung: es werden drei Schweregrade unterschieden
    mild: 200 < PaO2/FIO2 300 mmHg und PEEP/CPAP 5  cm H2O
    moderat:
    100 < PaO2/FIO2  200 mmHg und PEEP 5  cm H2O
    schwer:
    PaO2/FIO2  100 mmHg und PEEP 5  cm H2O       

Die Angaben zur Inzidenz des Syndroms variieren in neueren Studien zwischen 1,5 Fällen für das schwere ARDS mit einem paO2/FiO2 < 110 und 88,6 Fällen pro 100000 Einwohner und Jahr für das Auftreten eines ALI (acute lung injury) (2). Für Deutschland gibt es Daten für den Berliner Raum aus dem Jahr 1995 (3). Für Europa hat die ALIVE Studie auf 78 Intensivstationen in 10 Ländern eine Sterblichkeit des ARDS mit 57,9 % und 49,4% für ALI angegeben (4). Die mittlere Verweildauer auf der Intensivstation betrug für diese Patienten mit ARDS und ALI 16,3 Tage bzw. 16,5 Tage. Das ARDS ist daher eine seltene Erkrankung im Gegensatz zum ALI, wobei die Verweildauer und die hohe Sterblichkeit einen hohen medizinischen Einsatz für eine erfolgreiche Therapie einfordern.

Die Relevanz evidenzbasierter Medizin im Hinblick auf die Prozess- und Outcome-Qualität ist beim ARDS schwer einzuschätzen, da die Therapie sehr vielschichtig ist (z.B. Beatmungsverfahren, Kreislaufunterstützung, Indikation für extrakorporale Lungenunterstützung). In einigen dieser Module können EBM-basierte Richtlinien implementiert werden, in anderen wiederum nicht. Daher können die Prozess- und Outcome-Qualität in multizentrischen Studien unterschiedlich sein, in denen einer dieser Therapieansätze untersucht wird.

 

  1. ARDS Definition Task Force, Ranieri VM, Rubenfeld GD, Thompson BT, Ferguson ND, Caldwell E, Fan E, Camporota L, Slutsky AS. Acute respiratory distress syndrome: the Berlin Definition. JAMA. 2012 Jun 20;307(23):2526-33.
  2. Rubenfeld GD. Epidemiology of acute lung injury. Crit Care Med 2003; 31:S276-S284.
  3. Lewandowski K, Metz J, Deutschmann C, Preiss H, Kuhlen R, Artigas A, Falke KJ. Incidence, severity, and mortality of acute respiratory failure in Berlin, Germany. Am J Respir Crit Care Med 1995; 151:1121-5.
  4. Brun-Buisson C, Minelli C, Bertolini G, Brazzi L, Pimentel J, Lewandowski K, Bion J, Romand JA, Villar J, Thorsteinsson A, Damas P, Armaganidis A, Lemaire F; ALIVE Study Group. Epidemiology and outcome of acute lung injury in European intensive care units. Intensive Care Med 2004; 30:4-6.
  5. The acute respiratory distress sysndrom network. Ventilation with lower tidal volumes as compared with traditional tidal volumes for acute lung injury and the acute respiratory distress syndrome. NEJM 2000; 342(18):1301-8